Rio Grande do Sul

Rio Grande do Sul (RS) ist das südlichste Bundesland Brasiliens. Es liegt an der Grenze von Uruguay und Argentinien (Weltkarte) hat circa 11,1 Millionen Einwohner (2013) und sein jährliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) erreichte 2013 R$ 310,5 Milliarden (ca. 135 Milliarden US-Dollar). Es hat vier verschiedene Regionen:

a) Das Ballungsgebiet Porto Alegre. Die wichtigsten Wirtschaftsbranchen sind die Schuhindustrie, die Petrochemie, Autoindustrie und Computerherstellung, Gummi- und Metallprodukte sowie Dienstleistungen im Bereich des Gesundheitswesens, der Ausbildung, Informatik und Tourismus und in der Landwirtschaft die Geflügelproduktion und der Tabakanbau. Hier leben fast 40% der Bevölkerung des Bundeslandes und ungefähr die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts wird hier erwirtschaftet. Wichtigste Städte sind neben Porto Alegre: Canoas, Novo Hamburgo, Gravataí, Cachoerinha und São Leopoldo sowie die etwas entfernter gelegenen Städte von Lajeado und Santa Cruz do Sul.

b) Die „Serra“ (Mittelgebirge) hat ihre wirtschaftlichen Schwerpunkte in der Geflügelproduktion, Möbelindustrie, Kleidungsherstellung, Kücheeinrichtung, im Anbau von Trauben und Äpfeln, in der Weinproduktion und in der Herstellung von Bussen, LKWs und Schneidewaren sowie Dienstleistungen insbesondere in der Tourismusbranche. Dort leben circa 15% der Bevölkerung und 25% des BIP werden dort erwirtschaftet. Unter den wichtigsten und bekanntesten Städten sind zu nennen: Caxias do Sul, Bento Gonçalves, Farroupilha, Flores da Cunha, Gramado und Canela.

c) Der “koloniale Nordwesten”. Diese Region beschäftigt sich hauptsächlich mit der Produktion von Mais, Sojabohne, Milch, Obst sowie anderen Landprodukten. Daneben entwickelt sich eine Industrie von Maschinen und Werkzeugen für die Landwirtschaft und Herstellung von Bussen. Hier leben 20% der Bevölkerung und werden 10% des Bruttoinlandsprodukts vom Bundesland erzeugt. Zu den wichtigsten Städten zählen: Passo Fundo, Carazinho, Cruz Alta, Erechim, Ijuí, Panambi, Santo Ângelo, Santa Rosa, Três Passos und Horizontina.

d) Die „Campanha“ (auch als “Südhälfte” bezeichnet). Sie ist der extensiven Viehzucht und dem Reisanbau im großen Maßstab gewidmet. Dort leben 25% der Bevölkerung und werden 15% des Bruttoinlandsprodukts von Rio Grande do Sul erzeugt. Wichtigste Städte sind: Pelotas, Rio Grande, Santa Maria, Bagé, São Gabriel, Alegrete, Uruguaiana und Santana do Livramento.

Die Einwohner von RS sind als „Gauchos" bekannt. Sie sind das Ergebnis einer Völkermischung: Zu den Ureinwohnern kamen Immigranten aus verschiedenen Ländern wie Portugiesen, Spanier, Afrikaner, Italiener, Deutsche, Polen, Russen, Ukrainer, Juden hinzu sowie andere Völker, die dieses Land besiedelt haben.

Rio Grande do Sul war eines der letzten gebildeten Bundesländer Brasiliens. Der Vertrag von Madrid, abgeschlossen 1750 zwischen Spanien und Portugal, spielte eine wichtige Rolle in der Festlegung der Grenzen des Bundeslandes. Aus den vielen Grenzkriegen, die die "Gauchos" geführt haben, entstand eine starke und eigenartige Persönlichkeit. Das Bundesland verwickelte sich in vielen Kriegen wie dem Krieg gegen die Guarani Indianer im 18. Jahrhundert; dem Farrapenkrieg von 1835 bis 1845; dem föderalistischen Bürgerkrieg nach 1890, und der Revolution von 1930, die den gebürtigen „Gaucho“ Getulio Vargas an die Macht für mehr als ein Jahrzehnt führte.

Verglichen mit den anderen brasilianischen Bundesländern hat Rio Grande do Sul den höchsten Index an menschlicher Entwicklung nach den Daten der Vereinigten Nationen (VN), die niedrigste Analphabetenquote (gemäß dem Statistischen Bundesamt, der “Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística” – IBGE) und die höchste Lebenserwartung von Brasilien (gemäß der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen). Die Bräuche der Menschen, das Klima des Landes, die Ethnienmischung und andere Faktoren trugen dazu bei, dass sich eine gesunde, kultivierte und arbeitstüchtige Bevölkerung bildete, die ihre Traditionen und Herkunft respektiert und pflegt.

Die Hauptstadt Porto Alegre ist bekannt für die Qualität ihrer Universitäten (UFRGS, PUCRGS, UNISINOS und ULBRA)) und ihre guten Dienstleistungen im Bereich des Gesundheitswesen und der Informatik, sowie die Güterproduktion. In der Umgebung befindet sich der Sitz von Industrien wie zum Beispiel der Autokonzern General Motors und der Computerhersteller Dell Computers sowie ein für Lateinamerika höchst wettbewerbsfähiger Petrochemiekomplex. In Porto Alegre ist auch der Hauptsitz vom Eisenkonzern “ Grupo Gerdau”, eines der größten und meist geschätzten Konzerne Brasiliens.

Diese Region von Rio Grande do Sul wurde ab 1737 von den Portugiesen besetzt, als Portugal Besetzungsstrategien für das Gebiet entwickelte, das Spanien den Portugiesen streitig machte. Die Region des “Rio da Prata”, südlicher, hatte zu dieser Zeit einen großen strategischen Wert. Deshalb trieb Portugal die Besetzung dieser strategischen Punkte voran, die zu Städten wie Rio Grande, Porto Alegre, Santo Antonio da Patrulha und Vila de Santo Amaro wurden. Zu dieser Besetzung kamen zunächst Einwanderer aus den Azoren (eine portugiesische Inselgruppe im atlantischen Ozean). Die Gebietsstreitigkeiten wurden erst nach wiederholten Gefechten, Kriegen und Verträgen, hauptsächlich dem Vertrag von Madrid von 1750, geregelt. Später, kurz nach der Unabhängigkeit Brasiliens 1822, mit der Ankunft der kaiserlichen Familie, der die deutschstämmige Kaiserin Leopoldina angehörte, geschah die Besetzung der umliegenden Region durch die Einwanderung von Deutschen. Die Deutschen gründeten Siedlungen, die heute z. B. die Städte von São Leopoldo, Novo Hamburgo, Lajeado, Estrela und Santa Cruz do Sul ausmachen. Im Allgemein befinden sich die ehemaligen deutschen Siedlungen in Tälern und Flachländern und „am Fuß der Serra". Diese Region ist ein Teil der "Serra Geral" (Bergland zur Küstenregion), die sich über einen beträchtlichen Teil der Ostküste Brasiliens erstreckt.

Die „Serra“ wurde ab 1870 hauptsächlich durch italienische Einwanderer aus Norditalien besiedelt. Sie gründeten Siedlungen, die zu wichtigen und dynamischen Städten wie Garibaldi, Bento Gonçalves und Caxias do Sul wurden. Die vierte Siedlung wurde in der geographischen Mitte von Rio Grande do Sul errichtet, im Umland der Universitätsstadt Santa Maria, und ist heute die Stadt Silveira Martins. 

In der “Serra” befinden sich hoch entwickelte Unternehmen, die ihre Produkte weltweit exportieren, wie Tramontina, Marcopolo, Randon, Agrale, A. Guerra, Caminhões International, Vinícola Aurora, Vinícola Salton, Móveis Florense, Móveis Todeschini, Móveis Carraro, Mundial, Lojas Colombo unter anderen. Die “Serra” hat ungefähr 1 Million Einwohner. Wirtschaftlich sind Caxias do Sul (auch bekannt als das “Brasilianische Turim”), Bento Gonçalves, Farroupilha, Flores da Cunha und Garibaldi die wichtigsten Städte. In Antonio Prado wird man mit Exemplaren der Architektur aus dem Ende des 19. Jahrhunderts zurück in die Zeit geführt. Veranópolis dagegen ist wegen ihren langlebigen Menschen berühmt, indem es die höchste Lebenserwartung Brasiliens aufweist. Außerdem sind noch entzückende touristische Städte wie Gramado und Canela zu besuchen, die zu den schönsten Städten Brasiliens zählen. Weiter nördlich in den "campos de cima da serra" (Gebirgssavannen) sind Landschaften von unbeschreiblicher Schönheit zu bewundern: Es sind die “canyons” der “Aparados da Serra”(Bergkette), wo die grünen Wiesen mit tiefen Taleinschnitten „eingerissen sind“, die über 30 km Länge und 700 m Tiefe haben können, und sich das Bergland unerwartet mit dem nah liegenden Meer verbindet.

Der Süden von Rio Grande do Sul, der das Bundesland von Guaíba bis São Borja (genauer gesagt: bis Garruchos) in einer imaginären Linie ausschneidet, besteht im größten Teil aus weiträumigen Wiesen, unendlichen Ebenen. Bereits in den blühenden Zeiten am Ende des 19. Jahrhunderts wurden mehr als 50% der Wertschöpfung des Bundeslandes hier erzeugt. Aber die Viehzucht und der Großgrundbesitz verloren allmählich ihren Platz für Bereiche in der Industrie, im Warenhandel und den Dienstleistungen. An der östlichen Spitze, der Mündung der „Lagoa dos Patos“ (die größte Lagune der Welt mit einer Gesamtfläche von 13.000 km2) liegt die Stadt Rio Grande. Gegründet 1737 durch Portugiesen, deren Ziel war, ein Verbindungs,- Verteidigungs- und Stützpunkt zur Siedlung Colônia de Sacramento zu errichten. Colônia de Sacramento ist heute die Stadt Colônia in Uruguay, 60 km westlich der Hauptstadt Montevideu entfernt. Im Nordwesten, nicht weit entfernt von Rio Grande, befindet sich die Stadt Pelotas, die am Ende des 19. Jahrhunderts in der Hochzeit der „charqueadas“ (Großchlachthöfe zur Herstellung von gesalzenem Dörrfleisch) mit der Hauptstadt Porto Alegre wirtschaftlich im Wettkampf stand. Im Herzen von Rio Grande do Sul befindet sich die Universitätsstadt Santa Maria und westlich gegenüber, an der Grenze mit Argentinien, liegt die Stadt Uruguaiana. Andere wichtige Städte in der südlichen Hälfte sind Bagé, Santana do Livramento, São Gabriel, Alegrete und São Borja (auch bekannt als „Land der Marschälle“, weil es Geburtsort von den brasilianischen Bundespräsidenten Getúlio Vargas und João Goulart ist).

Der Nordwesten ist geographisch durch eine weitgehende Hochebene gekennzeichnet, die in Richtung des Rio Uruguay ständig an Höhe verliert und sich von Norden bis Westen, an der Grenze mit Argentinien, erstreckt. Vor dem Vertrag von Madrid gehörte dieses Gebiet den Spaniern. Im 17. Jahrhundert haben jesuitische Missionare mehrere Indianersiedlungen gegründet, die für diese Zeit sehr entwickelt waren, was der Krieg zwischen „bandeirantes“ und Indianern auslöste. Dieser Krieg wurde als den Guarani Krieg bekannt und vernichtete diese gegründete Zivilisation. In der Nähe von der Stadt Santo Ângelo können Ruinen dieser “Missões” besichtigt werden, insbesondere die Ruinen von São Miguel das Missões, die unter Weltkulturerbe stehen. Am Ende des 19. Jahrhunderts war ein großer Teil dieser Region noch vom Urwald, in der zurückgebliebene Indianer lebten, bedeckt. Mit der Besiedlung der Gebiete um Porto Alegre und Caxias do Sul mussten die Nachfahren der deutschen und italienischen Einwanderer nach neuen Gebieten umsiedeln. Dort gründeten sie „neue Kolonien“ und auf diese Weise wurden auch westlich gelegene Regionen, bis zur Grenze an Argentinien, besiedelt. So entstanden neue Städte wie Passo Fundo, Carazinho, Cruz Alta, Erechim, Ijuí, Frederico Westphalen, Santa Rosa, Três Passos, unter anderen. Als es kein Besiedlungsland mehr in dieser Region gab, richtete sich die Wanderung nach dem Westen von Santa Catarina, danach Paraná, Mato Grosso do Sul, Rondônia, Maranhão und anderen Bundesländern. Sie wanderten auch nach Paraguay sowie neuerdings nach Bahia und anderen Bundesländern im Norden und Nordosten Brasiliens. Bei diesen Wanderungen, haben die „Gauchos“ immer Wert darauf gelegt, die Wurzeln zu ihrer Kultur und Bräuche nicht zu verlieren. Durch die Gründung von CTGs (Centros de Tradição Gaúcha - Gaucho-Kultur-Zentren), die Eröffnung von „churrascarias“ (Restaurant mit gegrilltes Fleisch), die Sprechweise und typische Kleidung, die traditionellen Tänze der Gauchos und, vor allem, den Brauch „chimarrão“ zu trinken (Tee aus Mate-Tee getrunken aus einem Kürbiss oder „cuia“, im Allgemein, in einer Gesprächsrunde) wurden diese Traditionen erhalten. Aus dieser Tradition ist der Satz entstanden „wo chimarrão getrunken wird, gibt es einen Gaucho“. Regionen wie der Westen von Santa Catarina pflegen die Tradition aus Rio Grande do Sul sogar intensiver als andere Regionen innerhalb Rio Grande do Sul. Es gibt akademische Thesen, die die Ansicht verteidigen, dass die Kultur der "Gauchos", eine der eigenartigsten und verbreitesten der Welt ist. Es gibt hunderte von CTGs außerhalb Rio Grande do Sul und über 20 in anderen Ländern wie den USA (Boston) und Japan (Tokio).

Rio Grande do Sul besteht aus 497 Munizipien (in Brasilien Form der lokalen Selbstverwaltung). Sie entsprechen ca. 8,8% der Gesamtanzahl in Brasilien. Seine 10,7 Millionen Einwohner entsprechen 5,6% der brasilianischen Bevölkerung, Die demographische Wachstumsrate in Rio Grande do Sul beträgt 0,49% im Jahr, seine Landesfläche von 282.000 km2 entspricht 3,2% der brasilianischen Landesfläche und Sein Bruttoinlandsprodukt von R$ 273,9 Milliarden entspricht 6,6% des nationalen Bruttoinlandsprodukts. 

Die 10 wichtigsten Munizipien sind nach der Einwohnerzahl (2010) geordnet:

RANGORDNUNG

 

Munizip

Einwohner 2010

1

Porto Alegre

1.409.939

2

Caxias do Sul

435.482

3

Pelotas

327.778

4

Canoas

324.025

5

Santa Maria

241.032

6

Gravataí

240.340

7

Viamão

227.873

8

Novo Hamburgo

206.459

9

São Leopoldo

190.359

10

Rio Grande

183.517

Die 10 wichtigsten Munizipien sind nach dem BIP (2009) geordnet:

RANGORDNUNG

 

Munizip

BIP 2009

 (in Tausend US-Dollar)

 

 

1

Porto Alegre

37.787.913

2

Canoas

16.526.989

3

Caxias do Sul

12.509.582

4

Rio Grande

6.280.858

5

Gravataí

5.628.743

6

Triunfo

5.378.395

7

Novo Hamburgo

4.499.416

8

Santa Cruz do Sul

4.378.957

9

Pelotas

3.847.928

10

Passo Fundo

3.728.978

Weitere Informationen über die Munizipien von Rio Grande do Sul finden Sie unter den Adressen des IBGE sowie auf der Seite Terragaúcha.

Außerdem gibt es noch andere Seiten mit verschiedenen Informationen über die Munizipien von Rio Grande do Sul, die in der "câmera 3" dieser Seite WCAMS angegeben sind.

Luis Roque Klering (31/05/2014)