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Quelle: Saarbrücker Zeitung N r. 234 vom 9.10.2003, Seite B1 (St. Wendeler Zeitung)

Ein Stück Zukunft liegt in Südamerika 

Offizielle St. Wendeler Delegation reist am Montag ins brasilianische São Vendelino, um Städte-Partnerschaft zu besiegeln

AXEL GRYSCZYK

Gruß an St. Wendel Zum ersten Stadtfest wurde in São Vendelino doppelt geflaggt: Vor der katholischen Kirchen flatterten die Fahnen von St. Wendel und São Vendelino nebeneinander im Wind. Foto: Privat

St. Wendel. Hätte sich Christina Holz aus Novo Hamburgo 1991 nicht auf die Suche nach ihren Vorfahren gemacht, würde sich nicht am kommenden Montag eine offizielle St. Wendeler Delegation nach São Vendelino aufmachen. Denn die damals 27-Jährige landete bei ihren Recherchen in Hasborn und lernte ihren Cousin dritten Grades, Klaus Lauck, kennen. Lauck begeisterte sich für die Geschichte der ausgewanderten Saarländer, fand Gleichgesinnte und gründete später den Deutsch-Brasilianischen Freundeskreis. Der wichtigste Fund der Brasilien-Fans liegt 95 Kilometer von der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul, Porto Alegre, entfernt und hat 1800 Einwohner: Es ist das Städtchen São Vendelino.

In São Vendelino leben 90 Prozent Nachkommen deutschstämmiger Vorfahren. Viele stammen aus der Gegend um St. Wendel. Deswegen trägt seit 1877 das selbstständige Städtchen den Namen São Vendelino. Günter Jung, einer der Brasilien-Pioniere auf saarländischer Seite: "Ich empfing als erster Beigeordneter der Stadt St. Wendel noch im Jahr 1991 den damaligen Bürgermeister São Vendelinos, Jair Baumgratz. Neben seinem Amt hatte er eine Schuhfabrik. Daher brachte er mir Schuhe mit, die wunderbar passten." Es waren diese kleine Gesten, die den Kontakt intensivierten. Private Besuche und Freundschaften entwickelten sich. So besuchte 2001 eine komplette brasilianische Fußballmannschaft Oberthal. Auf die Rückreise nahmen die Brasilianer ausgediente deutsche Schulbücher mit nach Südamerika. Jung: "Die Idee einer Städte-Partnerschaft war bereits in den 90ern geboren. Doch das Vorhaben schlief wieder ein."

Es änderte sich mit Regis Fritzen. Der neue Bürgermeister von São Vendelino besuchte St. Wendel zum Stadtfest 2001. Jung: "Es gab einen offiziellen Empfang. Anschließend hat Bürgermeister Bouillion seine Schwenkkünste demonstriert. Dabei wurde viel gegessen und getrunken. Und zusammen schmiedeten wir Pläne." Resultat: Der St. Wendeler Stadtrat beschloss im vergangenen Juli eine offizielle Städtepartnerschaft mit der südamerikanischen Kleinstadt. Am kommenden Mittwoch wird die St. Wendeler Delegation mit CDU-Vertreter Guido Biesemann, dem Repräsentanten der Stadt, Günter Jung, und SPDler Jürgen Zimmer nach São Vendelino reisen, um die Partnerschaft offiziell zu besiegeln.

Ein Stück Heimat mitgenommen

Klaus Lauck erklärt den Reiz der Partnerschaft: "Die Saarländer, die Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts nach São Vendelino auswanderten, brauchten sich nicht anzupassen. Wo sie hinkamen, war nichts." Also übernahmen sie alles aus der Heimat: Ihren Dialekt, ihre eigene Zeitung, Schule und Feste. Jürgen Zimmer, Motor und Vorstand des Deutsch-Brasilianischen Freundeskreises: "Wenn man selbst die Jugend aus São Vendelino nach ihrer Nationalität fragt, sagen sie, sie sind Deutsch-Brasilianer." Lauck ergänzt: "Es gibt eine gemeinsame Wurzel und familiäre Traditionen. Vor allem aber, eine tiefe Sehnsucht nach einem Miteinander." Und Günter Jung drückt es so aus: "Das sind nicht Partnerstädte, sondern Zwillingsstädte."

Doch die Zwillinge liegen 12000 Kilometer voneinander entfernt. Für Jürgen Zimmer kein Grund, dass diese Kooperation wie viele andere einschläft. "Wichtig ist, dass wir die Städtepartnerschaft auf eine breitere Basis stellen." Deswegen organisiert der Deutsch-Brasilianische Freundeskreis Fahrten nach Südamerika. Darüber hinaus werden Austauschprogramme für Praktikanten organisiert. Zimmer: "Wichtig ist uns, dass die Bemühungen nicht zu einer Einbahnstraße werden." Daher will der Verein für interessierte deutsche Firmen Operationsmöglichkeiten in São Vendelino ausloten. Zimmer: "Eine St. Wendeler Firma verhandelt bereits eifrig, da sie ein Werk in São Vendelino bauen will." Diesen Dienst will man nicht nur St. Wendeler Firmen anbieten, auch anderen aus ganz Deutschland. St. Wendel soll ein Kompetenzzentrum für den wirtschaftlichen Austausch mit Südbrasilien werden. So werden die Verbindungen langfristig enger. Jung: "Denn vom Herzen liegt São Vendelino um die Ecke."