Rio Grande do Sul

Rio Grande do Sul (RS) ist das südlichste Bundesland Brasiliens. Es liegt an der Grenze von Uruguay und Argentinien (Weltkarte hat circa 10,2 Millionen Einwohner und sein jährliches Bruttoinlandsprodukt erreicht 53 Milliarden U$-Dollar. Es hat vier vierschiedene Regionen:

a)      Das Ballungsgebiet Porto Alegre. Hier leben fast 40% der Bevölkerung des Bundeslandes und wird ungefähr die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Wichtigste Städte sind, neben Porto Alegre, Canoas, Novo Hamburgo, Gravataí und São Leopoldo. Wichtigste Wirtschaftsbranchen sind die Schuhindustrie, die Petrochemie, Autoindustrie und Computerherstellung. Dieses Gebiet richtet sich immer mehr nach den Dienstleistungen wie Gesundheitswesen, Ausbildung, Informatik und Tourismus.

 b)      Die “Serra”.  Sie erwirtschaftet 15% des Bruttoinlandsprodukts des Bundeslandes. Dort leben circa 15% der Bevölkerung und unter den wichtigsten Städten sind Caxias do Sul, Bento Gonçalves, Farroupilha, Flores da Cunha, Gramado und Canela zu nennen. Ihre Arbeitskräfte beschäftigen sich hauptsächlich mit der Möbelindustrie, Kleidungherstellung, Anbau von Trauben und Weinherstellung sowie mit der Herstellung von Bussen und LKWs. Sie ist auch die meistbesuchte Tourismusgegend von Rio Grande do Sul (RS). 

c)      Der “koloniale Nordwesten”. Diese Region beschäftigt sich hauptsächlich mit der Landwirtschaft. Mais, Sojabohne, Milchvieh und Obstanbau überwiegen. Daneben entwickelt sich eine Industrie von Maschinen und Werkzeugen für die Landwirtschaft. Die wichtigsten Städte sind Passo Fundo, Carazinho, Cruz Alta, Erechim, Ijuí, Panambi, Santo Ângelo, Santa Rosa, Três Passos und Horizontina (bekannt als Standort der Fabrik von SLC/John Deere und Geburtsort von Gisele Bündchen, ein weltberühmtes Mannequin). In dieser Region leben 20% der Bevölkerung und werden 10% des Bruttoinlandsprodukts vom Bundeslandes erzeugt. 

d)      Die “Campanha” (auch als “Südhälfte” bezeichnet). Sie ist der Viehzucht und dem Reisanbau gewidmet. Dort leben 25% der Bevölkerung und werden 15% des Bruttoinlandsprodukts von Rio Grande do Sul erzeugt. Wichtigste Städte sind Pelotas, Rio Grande, Santa Maria, Bagé, São Gabriel, Alegrete, Uruguaiana und Santana do Livramento. 

Die Einwohner von Rio Grande do Sul sind als Gauchos" bekannt. Sie sind das Ergebnis einer Völkermischung: Indianer, Portugiesen, Spanier, Afrikaner, Italiener, Deutsche, Polen, Ukrainer, Juden und andere Völker haben dieses Land besiedelt. 

Ursprünglich gehörte es den Indianern. Im ersten Jahrhundert nach der Entdeckung Amerikas (1492) und Brasiliens (1500)  interessierte sich niemand um ihr, da hier weder Silber noch Gold gefunden wurden. Aber als die Portugiesen in 1680 eine Festung am östlichen Ufer des Rio da Prata errichteten, um einen Zugang zu den Silberminen von Potosi, im heutigen Bolivien, zu erreichen, wurde es strategisch wichtig. Danach haben Portugiesen und Spanier jahrzehntelang um dieses Land gekämpft. Der Vertrag von Madrid 1750 hat schliesslich im grössten Teil die heutigen Grenzen Brasiliens, hauptsächlich die mit Uruguay und Argentinien, festgelegt.  

            Die vielen Kriege die die "Gauchos" geführt haben, sei es gegen die Spanier, gegen die Indianer oder gegen die brasilianische Bundesregierung, haben ihnen mit einer starken und eigenartigen Persönlichkeit geprägt. Nennenswert sind die Kriege gegen die Guarani Indianer im 18. Jahrhundert; der Farrapenkrieg gegen das brasilianische  Kaiserreich von 1835 bis 1845; der föderalistische Bürgerkrieg von 1893 bis 1895, und die Revolution von 1930 bei der Getulio Vargas, ehemaliger Präsident des Bundeslandes Rio Grande do Sul, die brasilianische Regierung gestürtz hat und eine neue Epoche der brasilianischen Geschichte einleitete. 

            Die Lebensbedingungen im Bundesland Rio Grande do Sul können als relativ gut beurteilt werden, denn nach den Daten der Vereinten Nationen erreicht es den höchsten Index an menschlicher Entwicklung unter allen brasilianischen Bundesländern. Ebenfalls weist seine Bevölkerung die niedrigste Analphabetenquote (gemäss dem Statistischen Bundesamt, der “Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística” – IBGE) und die höchste Lebenserwartung von Brasilien aus (gemäss der Weltgesundheitsorganization  der Vereinten Nationen). 

            Das Ballungsgebiet Porto Alegre wird wegen seinen Universitäten (UFRGS, PUCRGS, UNISINOS, ULBRA, FEEVALE) und seinen guten Gesundheitsdienstleistungen nachgefragt. Neuerdings hat sie auch die Informatik als Wirtschaftsbranche entdeckt. Hier befinden sich wichtige Industrien wie zum Beispiel der Autokonzern General Motors und der Computerhersteller Dell Computers. In Porto Alegre und Sapucaia do Sul ist auch der Hauptsitz vom Eisenkonzern “Grupo Gerdau”, eines der wichtigsten Unternehmen Brasiliens.

             Das heutige Gebiet von Rio Grande do Sul wurde ab 1737 von den Portugiesen besetzt. Die Region des “Rio da Prata”, südlicher, hatte zu dieser Zeit einen grossen strategischen Wert. Deshalb gründete Portugal  Festungen und Städte wie Rio Grande, Porto Alegre, Santo Antonio da Patrulha und Rio Pardo. Die ersten Einwanderer kamen aus den Azoren (eine portugiesische Inselgruppe im atlantischen Ozean). Später, kurz nach der Unabhängigkeit Brasiliens 1822, geschah die Einwanderung von Deutschen. Bestimmend für dieses Ereigniss war die Hochzeit der österreichischen Erzherzogin Leopoldina mit dem Kronprinzen des Hauses Braganza in 1817, der ab 1822 als Pedro I das Kaiserreich Brasilien bis 1831 regiert hat. Die erste deutsche Siedlung war São Leopoldo, am Rio dos Sinos, ungefähr 35 km nördlich von Porto Alegre. Mehrere andere deutsche Siedlungen wurden auf den Flussniederungen des Rio Caí, Rio Taquari und Rio Pardinho gegründet, in einem Umkreis von bis 150 km von Porto Alegre entfernt.  Heute sind São Leopoldo, Novo Hamburgo, Lajeado, Estrela und Santa Cruz do Sul wichtige deutschgeprägte Städte von Rio Grande do Sul. 

            Nach 1875 überwiegt die Einwanderung aus Italien, besser, aus Norditalien. Die italienischen Kolonien wurden aber flussaufwärts, schon im Gebirge, in der sogenannten “Serra” eingerichtet. Dort handelte es sich grundsätzlich um drei Siedlungen: Caxias do Sul, Garibaldi und Bento Gonçalves. Eine andere Region, in der Nähe von Santa Maria, in der geographischen Mitte von Rio Grande do Sul, wurde auch von den Italienern besiedelt. Ein Beispiel dafür ist die kleine Stadt  Silveira Martins. 

In der “Serra” befinden sich wichtige Industrien, wie Tramontina, Marcopolo, Caminhões International, Vinícola Aurora, Móveis Florense, Móveis Todeschini, EberleRandon, Agrale, A. Guerra, und Carraro. Eine bekannte Handelskette, Lojas Colombo, mit Niederlassungen im ganzen Bundesland, hat auch ihren Hauptsitz in dieser Region. Die “Serra” hat ungefähr 700.000 Einwohner. Wirtschaftlich sind Caxias do Sul (auch bekannt als das “Brasilianische Turim”), Bento Gonçalves, Farroupilha, Flores da Cunha und Garibaldi die wichtigsten Städte. In Antonio Prado, eine ehemalige Handelsstadt, kann man Exemplare der Architektur der Einwanderer besuchen und Veranópolis ist wegen ihren langlebigen Menschen berühmt, indem es die höchste Lebenserwartung Brasiliens aufweist.  Gramado und Canela sind dem Tourismus gewidmet und locken jährlich tausende Besucher an, die sowohl eine schöne Landschaft besichtigen als auch an viele Veranstaltungen teilnehmen können. Das hügelige Hochland endet in Richtung des atlantischem Ozeans mit tiefen Taleinschnitten: es sind die “canyons” der “Aparados da Serra”. Einige dieser “canyons” sind über 30 km lang und über 700 m tief.  Der berühmteste von ihnen ist der Itaimbézinho.              

            Der Süden von Rio Grande do Sul besteht im grössten Teil  aus weiträumigen Ebenen mit wenigen Erhebungen. Das sind die “Pampas”. Im 19. Jahrhundert war hier das Wirtschaftszentum des Bundeslandes. Aber die Viehzucht und die Fleischverarbeitung erwiesen nicht die selbe Leistung wie die Landwirtschaft, die neuen Industriebranchen und die Dienstleistungen die sich im Nordteil entwickelten. In dieser Region befindet sich die Lagoa dos Patos, einer der grössten Lagunen der Welt, mit einer Gesamtfläche von 13.000 km2.  Am Auslauf dieser Lagune, an der atlantischen Küste, liegt die Hafenstadt Rio Grande, die neben einer Festung in 1737 entstand.  An ihrem Westufer befindet sich die Stadt Pelotas, in dessen Umgebung sich am Ende des 19. Jahrhunderts die Grosschlachthöfe zur Herstellung von gesalzenem Dörrfleisch (charque) konzentrierten, sodass sie zu dieser Zeit wirtschaftlich vor der Hauptstadt Porto Alegre stand. In der geographischen Mitte von Rio Grande do Sul befindet sich die Universitätsstadt Santa Maria und an der Grenze mit Argentinien Uruguaiana. Andere wichtige Städte in der südlichen Hälfte sind Bagé, Santana do Livramento (die mit Rivera, in Uruguay, eine einzige Stadt bildet), São Gabriel, Alegrete und São Borja (Geburtsort von den brasilianischen Bundespräsidenten Getulio Vargas – 1930 bis 1945 und 1952 bis 1954 - und João Goulart – von 1961 bis 1964). 

            Der Nordwesten ist durch den “Planalto Médio” gekennzeichnet, eine Gegend mit ausgedehnten und sanftgewellten Hochlagen, die in Richtung des Rio Uruguay, an der Grenze mit Argentinien, ständig an Höhe verliert. Vor dem Vertrag von Madrid 1750 gehörte dieses Gebiet den Spaniern.  Im 17. Jahrhundert haben jesuitische Missionare von Paraguay aus mehrere Indianersiedlungen gegründet, die sog. “Missões”. In der Nähe von der Stadt Santo Ângelo können Ruinen dieser “Missões”  besichtigt werden. Im besten Zustand befinden sich die von São Miguel das Missões, die unter Denkmalschutz stehen. Dieser jesuitische Zivilizationsprozess litt unter dem Druck der “bandeirantes”, aus São Paulo, die auf der Suche nach Sklaven waren, und wurde entgültig wegen den Auseinandersetzungen der Indianer mit den Spaniern und Portugiesen, in den sogenannten Guarani Kriegen beendet. Am Ende des 19. Jahrhunderts war ein grosser Teil des Nordwestens noch vom Urwald, der für viele zurückgebliebene Indianer als Heim diente, bedeckt. Aber wegen der Überbevölkerung in den alten deutschen und italienischen  Kolonien bildete sich eine Umsiedlungsbewegung zu dieses Gebiet. So entstanden neue Städte wie Carazinho, Ijuí, Frederico Westphalen, Ijuí, Santa Rosa und Três Passos. Soledade, Cruz Alta und Passo Fundo sind Städte die vorher von Luso-Brasilianern in Gegenden mit natürlichen Wiesen gegründet wurden. 

            Nachdem der Wald durch Brandrodung vernichtet und die Landwirtschaft eingeführt war, wiederholte sich die Geschichte der alten Kolonien. Die Wanderung richtete sich dann zum Norden Brasiliens: zuerst nach den Westen von Santa Catarina (1910 bis 1940), dann nach Paraná  (1950 bis 1960), Mato Grosso und Rondônia (70er Jahren), Maranhão und Bahia (80er Jahre). Auch Argentinien (1950) und Paraguay (1960)  nahmen einige Kolonisten auf.  Diese Auswanderer verbreiten die “Gaucho-Kultur” im Hinterland Brasiliens. Überall sind die “Gaucho-Kultur-Zentren”, die CTGs – “Centro de Tradições Gaúchas”, anzutreffen. Solche Zentren gibt es sogar im Ausland, wie zum Beispiel in Los Angeles und Toquio. Dort pflegt man eine bestimmte Musik, eine bestimmte Küche (hauptsächlich den Spiessbraten oder “churrasco”), eine bestimmte Tanzart, eine bestimmte Kleidung und, am wichtigsten, den “chimarrão” (ein Tee, der aus einem Kürbiss oder “cuia” getrunken wird). Der “chimarrão” ist eine gesellschaftliche Gelegenheit und alle trinken aus derselben “cuia” (im Gegensatz zu Uruguay, zum Beispiel, wo jeder seine eigene “cuia” benutzt).  

            Rio Grande do Sul besteht aus 497 Munizipien (in Brasilien Form der lokalen Selbstverwaltung). Seine 10,1 Millionen Einwohner  entsprechen  6,2% der brasilianischen Bevölkerung, seine Landesfläche von 282.000 km2 entspricht 3,2% der brasilianischen Landesfläche und sein Bruttoinlandsprodukt entspricht 7,5% des nationalen Bruttoinlandsprodukts. 

            Die wichtigsten Munizipien sind nach der Einwohnerzahl geordnet: 

Rangordnung

              Munizip               

Einwohner - 2000

     Bruttoinlandsprodukt  1999

 (in Tausend US-Dollar)

1

Porto Alegre

1.329.486

9.227,0

2

Caxias do Sul

353.313

3.433,6

3

Pelotas

319.570

957,8

4

Canoas

295.943

3.625,3

5

Novo Hamburgo

241.032

1.356,8

6

Santa Maria

240.340

696,3

7

Gravataí

227.873

966,9

8

Viamão

206.459

212,8

9

São Leopoldo

190.359

848,0

10

Rio Grande

183.517

1.031,8

11

Alvorada

176.936

172,7

12

Passo Fundo

171.203

868,0

13

Uruguaiana

127.701

470,8

14

Bagé

123.059

302,6

15

Sapucaia do Sul

122.125

657,4

16

Santa Cruz do Sul

108.556

1.209,5

17

Cachoeirinha

101.690

675,3

18

Guaíba

91.572

598,9

19

Cachoeira do Sul

90.949

258,9

20

Bento Gonçalves

90.864

932,9

21

Santana do Livramento

90.378

199,1

22

Erechim

89.676

433,8

23

Alegrete

86.815

303,9

24

Esteio

79.149

684,3

25

Santo Ângelo

78.531

203,8

26

Ijuí

78.085

287,3

27

Cruz Alta

74.031

263,2

28

Santa Rosa

65.920

306,9

29

São Borja

65.666

283,7

30

Sapiranga

64.919

335,0

31

São Gabriel

62.429

210,3

32

Lajeado

61.002

420,8

33

Venâncio Aires

60.505

409,1

34

Camaquã

60.153

274,1

35

Carazinho

59.861

237,2

36

Farroupilha

59.501

533,0

37

Vacaria

56.292

225,2

38

Campo Bom

55.318

466,9

39

Santiago

53.622

89,9

40

Montenegro

52.209

306,9

             Weitere Informationen über die Munizipien von Rio Grande do Sul, wie zum Beispiel die wirtschaftliche Lage, die wichtigsten Unternehmen, den Index an menschlicher Entwicklung usw,  finden Sie unter "Dados dos Municípios do RS" und "Pesquisas" auf der Seite des NUTEP

Verschiedene Informationen über die Munizipien von Rio Grande do Sul finden Sie auch noch auf den Seiten die in der "câmera 3" dieser Seite WCAMS angegeben sind.

 Wichtige Informationen über die Geschichte finden Sie im Buch von Dietrich von Delhaes-Guenther “Industrialisierung in Südbrasilien; Die Deutsche Einwanderung und die Anfänge der Industrialisierung in Rio Grande do Sul”, herausgegeben von Prof. Dr. Ingomar Bog, Marburg, und veröffentlicht 1973 vom Böhlau-Verlag Köln.

 (prof. Dr. Luis Roque Klering und prof. Dr. Eugênio Lagemann, UFRGS)