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Bericht aus einem Kleinen Paradies

Das brasilianische St Wendel

von Jürgen Zimmer  

Geschäftsführer des Deutsch-Brasilianischen Freundeskreises
Saarland - Rio Grande do Sul

Wer hierher kommt, glaubt zuerst, er sei im falschen Film: Mittelgebirgslandschaft wie im Schwarzwald mit properen, blumengeschmückten Häusern - aber in den gepflegten Vorgärten stehen Bananenstauden, auf den Feldern hinterm Haus wächst Zuckerrohr. Und inmitten dieser Umgebung, die auf eigenartige Weise fremd und vertraut zugleich ist, bekannte Laute. Unverkennbar: Man spricht hier deutsch - oder besser gesagt „platt“ - nordsaarländischen Dialekt, um genau zu sein.

Dem Besucher aus Deutschland erscheint dieses Fleckchen Erde in Südbrasilien mit dem Namen São Vendelino zunächst höchst irreal. Fassbarer wird dieser eigenartige Mikrokosmos, wenn man zunächst einmal alle Klischees über Brasilien, die man aus Deutschland mitgebracht hat, vergisst. Karneval und Samba, Straßenkinder und Kriminalität - all das sucht man hier vergebens.

„Willkommen im kleinen Paradies - hier lebt es sich gut“, verkündet auf portugiesisch das Straßenschild vor der Brücke, die über ein Flüsschen namens Formeco nach São Vendelino führt. Ist das nicht etwas dick aufgetragen, mag sich der Besucher fragen, wenn er das erste Mal Bekanntschaft mit dem Ort macht.

Die Menschen hier sind gastfreundlich und offen - und die allermeisten sprechen noch deutsch. So kann jeder ziemlich schnell feststellen, dass das Willkommensschild nicht zuviel verspricht: Arbeitslose in São Vendelino? Fehlanzeige. Kriminalität? Ebenfalls Fehlanzeige. Bittere Armut und Obdachlosigkeit? Kennt man hier nicht. Statt dessen gepflegte ältere Häuser - teilweise noch in Holzfachwerk - und neue, die auch in einem Neubaugebiet in St.Wendel oder Saarbrücken auffallen würden. In dem Gewerbegebiet am Stadtrand Betriebe, die bis zu 300 Menschen Arbeit geben. Außerhalb in den so genannten Kolonien - abgelegenen Gehöften in den Bergen - computergesteuerte Mastbetriebe mit bis zu 30.000 Hühnern in einem Stall. Und in der Ortsmitte in der Nähe des „Kioskes“ - der Dorfkneipe - befindet sich der Polizeiposten, in dem fünf Mann Tag und Nacht über die 1.800 Einwohner von São Vendelino wachen.

Natürlich leben auch hier nicht alle an der Sonnenseite des Lebens. Es gibt auch heute noch Kleinbauern, die mit dem Ochsengespann arbeiten und von dem leben, was sie erzeugen. Und die Beschäftigten in den Betrieben, die mit dem Mindestlohn in Höhe von 250 Reis - rund 120 Euro - auskommen müssen, können sicher keine großen Sprünge machen. Aber nie hat man den Eindruck von Unzufriedenheit oder Verdrossenheit.

Für brasilianische Verhältnisse lebt es sich in São Vendelino und den umliegenden „deutschsprachigen“ Gemeinden im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul sehr gut. Das Land wurde von den deutschen Einwanderern, die nach 1824 in mehreren Wellen hier eingewandert sind, geprägt. Auch die Hauptstadt Porto Alegre war bis zum 2. Weltkrieg mehr oder weniger eine „deutsche“ Stadt. Auch wenn in der jungen Generation die deutsche Sprache jetzt langsam verloren geht, so haben die Nachfahren der Einwanderer über fünf und mehr Generationen ihre Sprache und ihr Brauchtum bewahrt.

Seit nunmehr zehn Jahren macht es sich der „Deutsch-Brasilianische Freundeskreis Saarland - Rio Grande do Sul“ zur Aufgabe, die Verbindung zu den „Saarländern“ in Südbrasilien wiederzubeleben. So gab es einen Schüleraustausch mit der deutschen Pastor-Dohm-Schule in Porto Alegre und in Novo Hamburgo wurde ein Straßenkinderprojekt unterstützt. Schwerpunkt der Aktivitäten ist die Stadt São Vendelino, die von den Einheimischen immer noch St.Wendel genannt wird. Zwischen den deutschen und dem brasilianischen St.Wendel wird eine Städtepartnerschaft angestrebt. Zur Zeit leben sechs junge Brasilianer von dort in St.Wendel, um in saarländischen Betrieben einjährige Fortbildungspraktika zu absolvieren. Drei von ihnen werden in dieser Zeit bei der Firmengruppe Kuhn zu Industriemechanikern und -elektronikern fortgebildet. Weiterhin haben die Industriewerke Saar, die Ottweiler Bausgesellschaft und die Stadt St.Wendel Praktikantenstellen zur Verfügung gestellt.

São Vendelino - ein Paradies auch für deutsche Investoren

Immer mehr saarländische Unternehmen gründen im Zuge der Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen Niederlassungen in Brasilien. Ein idealer Standort für eine Zweigniederlassung ist der Bundesstaat Rio Grande do Sul. Hier kommen nicht nur die klimatischen Verhältnisse den Mitteleuropäern entgegen. Viel wichtiger sind andere Faktoren: In weiten Teilen von Rio Grande wird noch deutsch gesprochen. Deutschsprachige Arbeitskräfte zu finden, ist überhaupt kein Problem. Und so wie die Australier als britischer gelten als die Briten, so sind die „Deutschen“ in diesem Landstrich ein Musterbeispiel für die „deutschen Tugenden“ Fleiß, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.

São Vendelino und die umliegenden Gemeinden sind rund 80 km von der Hauptstadt Porto Alegre entfernt. Eine zweispurige Bundesstraße ist bis auf wenige Kilometer an den Ort herangerückt und soll im nächsten Jahr die Stadt erreichen. Für Investoren hält Bürgermeister Régis Fritzen ein breites Bündel von Fördermaßnahmen bereit: von der Erschließung des Baulandes über Investitionszuschüsse bis zur Hilfe bei der Abwicklung der Formalitäten und Anwerbung der Arbeitskräfte. Darüber hinaus gibt es hier deutschsprachige Rechtsanwälte, Steuerberater, Werbeagenturen usw. Und das Wichtigste: Wer sich in einer der kleineren deutschsprachigen Gemeinden im Umland von Porto Alegre ansiedelt, fühlt sich schnell wie zu Hause. Die Menschen sind vertrauenswürdig und hilfsbereit - und wie im Saarland gibt es immer jemanden, der einen kennt und bei der Problemlösung auf dem „kleinen Dienstweg“ behilflich ist. Im brasilianischen Bürokratie- und Behördendschungel ist das für den mit den Landessitten nicht vertrauten Firmengründer ein unschätzbarer Vorteil.

Porto Alegre ist von Frankfurt aus gut erreichbar: Täglich geht ein Direktflug nach Porto Alegre, die Hauptstadt von Rio Grande do Sul. Dieser Bundesstaat ist der wohlhabendste in Brasilien: Sechs Prozent der brasilianischen Bevölkerung erzeugen hier auf drei Prozent der Fläche über acht Prozent des Bruttoinlandprodukts. In Porto Alegre haben viele internationale Konzerne ihre brasilianische Hauptniederlassung, außerdem gibt es im Umfeld fünf Universitäten.

Der Deutsch-Brasilianische Freundeskreis Saarland - Rio Grande do Sul (DBF) mit Sitz in St.Wendel hilft saarländischen Unternehmen auch bei der Vermittlung von Wirtschaftskontakten. Der Vorsitzende Klaus Lauck und Geschäftsführer Jürgen Zimmer kennen neben São Vendelino auch andere „deutsche“ Gemeinden und ihre Bürgermeister sowie deutschsprachige Unternehmer, Rechtsanwälte und Consultants in Südbrasilien.

Kontakt:
Klaus Lauck, Vorsitzender des DBF,
Telefon: 06851/801-521, Fax: -520,
mobil: 0163-5560848, email: klauslauck@web.de  
oder
Jürgen Zimmer, Geschäftsführer des DBF,
privat: 06851/7463, Fax: 869985,
email: jzolw@t-online.de
dienstl.: 0681/5002-222, Fax -492